Bückeburg. Es ist fraglos ein schauriges Szenario, welches sich dem Leser auf den ersten Seiten eröffnet: Mitten in der Hannoverschen Passerelle erstreckt sich eine gewaltige Blutlache, und der ebenso arg- wie ahnungslosen Verkäuferin, die zu früher Morgenstunde eigentlich nur das Schaufenster ihres Geschäfts dekorieren möchte, fährt der Schock derart in die Glieder, dass diese ihr den Dienst versagen und sie mitten hinein in den grausigen roten See stürzen lassen. So beginnt „Abnorm“, das Krimi-Debüt des Bückeburgers Björn Brocks, das den Leser auf knapp 400 fesselnden Seiten zur Mörderjagd in die niedersächsische Landeshauptstadt Hannover einlädt.
An morbider Fantasie scheint es Bückeburger Krimi-Autoren wahrlich nicht zu mangeln. Nachdem bereits die beiden Bückeburgerinnen Regine Mädje und Nané Lénard in „Licht im Mausoleum“ und „Schattenhaut“ ihre bemitleidenswerten Opfer auf ebenso bizarre wie diabolische Weise vor heimischer Kulisse ins Jenseits beförderten, hat mit Björn Brocks ein dritter Teilnehmer des 2009 und 2010 durchgeführten Schreibwettbewerbs „Bückeburg mordet“ seinen ebenfalls alles andere als blutarmen Erstling vorgelegt. Nachdem die Bücher von Regine Mädje und Nané Lénard in der Reihe „Weserberglandkrimis“ des Verlags CW Niemeyer erschienen, startet mit Björn Brocks „Abnorm“ die Serie der „Hannover-Krimis“ des Hamelner Verlagshauses.
Ein lupenreiner Polizei-Krimi ist „Abnorm“ geworden. Und mit Björn Brocks hat jemand zur Feder gegriffen, der absolut vom Fach ist: Der 1967 geborene Bückeburger trat nach seinem Abitur am Gymnasium Adolfinum in den Polizeidienst des Landes Nordrhein-Westfalen. Nachdem er dort den Polizeiberuf von allen Seiten kennenlernte, unter anderem in den Polizeibehörden von Minden, Detmold und Köln, absolvierte er an der Deutschen Polizeihochschule in Münster das Masterstudium für den Höheren Dienst. Seit 2010 leitet der 44-Jährige die Verkehrsdirektion der Kreispolizei Herford. Mit dem Schreiben begann Björn Brocks, der mit seiner Familie in Bückeburg lebt, bereits mit 17 Jahren. Nach diversen Gedichten, Sketchen und Theaterstücken überraschte er bereits seine Polizeikollegen mit dem Verfassen mehrerer ebenso skurriler wie nachdenklicher Weihnachtsgeschichten. Die Initialzündung für das Thema Krimi bildete dann der Wettbewerb „Bückeburg mordet“, an dem er mit der Kurzgeschichte „Die Akte ist geschlossen“ teilnahm.
Es sind nicht nur Björn Brocks profunde Kenntnisse in allen Facetten von Kriminalermittlungstechniken, Strategien und Taktiken, die an „Abnorm“ faszinieren, sondern auch sein bis ins kleinste Detail reichendes Wissen über die Landeshauptstadt Hannover und die dortigen Polizeistrukturen. Doch noch mehr als auf technische Details der Kriminalermittlung hat sich der Autor auf die menschliche Seite seines Kriminalromans konzentriert.
Dreh- und Angelpunkt des gesamten Geschehens ist seine Hauptfigur Tarek Neumann, Sohn eines deutschen Ingenieurs und einer christlichen Irakerin aus Basra. Der ehemalige Zielfahnder des LKA Niedersachsen wurde nach einer privaten und beruflichen Talfahrt zur Verkehrspolizei strafversetzt und erhält nun im Zuge der Aufklärung der „Blutlachen-Morde“ eine zweite Chance beim LKA. Denn es bleibt nicht bei der einen Blutlache in der Passerelle: Schon bald häufen sich die Funde der schauerlichen roten Pfützen in der Eilenriede, Hannovers grüner Lunge. Und wieder fehlt von den Leichen jede Spur. Und während sich die Medien mit hysterischen Schlagzeilen über einen zweiten Fritz Haarmann überschlagen und die Bevölkerung Hannovers mehr und mehr in Panik gerät, muss Tarek Neumann wie noch nie zuvor Intelligenz, Erfahrung, Kombinationsgabe und Instinkt mobilisieren, um den Täter dingfest zu machen.
Es ist neben der Mörderjagd vor allem das Faszinosum der Hauptfigur, welches den Reiz an „Abnorm“ ausmacht. Denn dieser Tarek Neumann hat auf der einen Seite durch seine Ehescheidung schwere berufliche und persönliche Schlagseite erlitten. Und doch ist er kein schmieriger Gossen-Kommissar, wie ihn seit Schimanski viele Fernsehkrimis allzu gerne und allzu übertrieben daherkonstruieren. Vielmehr stillt der Halb-Iraker mit dem attraktiven Äußeren, der beeindruckenden physischen Präsenz, den blauen Augen sowie den ebenso genialen wie unkonventionellen Ermittlungsmethoden auch ein Stück weit die Sehnsucht nach dem guten, alten Action-Hero und Superdetektiv – ein bisschen Sherlock Holmes, ein wenig Ethan Hunt und ein ordentlicher Schuss Jason Statham.
Dass er nebenbei mit seinem Ordnungsfimmel eine zwangsneurotische Macke von der Größe eines handelsüblichen Containerhafens pflegt, mit einer aufsässigen pubertierenden Tochter klarkommen muss, eine innige Beziehung zu seinem schwer kranken Vater pflegt und seiner Ex-Frau nachschmachtet wie ein unglücklich verliebter Teenager, macht ihn für den Leser umso menschlich greifbarer. „Tarek Neumann ist als Charakter sorgsam angelegt, seine persönliche Geschichte hat unheimlich viel Potenzial, daher möchte ich ihn noch einige weitere Fälle beschäftigen“, sagt Björn Brocks, der derzeit an seinem zweiten Krimi arbeitet. Dass der LKA-Ermittler ebenso wie der Autor 44 Jahre alt ist, ein markantes Äußeres hat, lange Zeit Taekwon-Do betrieb und für Hannoversche Bands wie die Scorpions oder Fury In The Slaughterhouse schwärmt, ist kein Zufall – wer könnte es Björn Brocks verdenken, auch ein wenig Biografie in seine Romanfigur hineingewoben zu haben. Und auch ein Stück Leidenschaft für das Actionkino der 80er und frühen 90er Jahre, in dem sich Held und Bösewicht am Ende beim Duell gegenüberstehen. „Es ist stellenweise ein sehr männliches Buch geworden“, gibt der Autor zu.
Der Nachname Neumann wurde mit Bedacht gewählt – er ist einer der häufigsten in Hannover. Björn Brocks: „Diese Figur soll jemand aus dem Volk sein – und dennoch anders.“ Seinen Vornamen teilt sich der deutsch-irakische LKA-Ermittler mit dem ehemaligen irakischen Außenminister Tarek Aziz, der wie er Mitglied der chaldäisch-katholischen Kirche ist. Seine Gegenpole sind zum einen der hochintelligente Forensiker Youssef Muhammad Al Navid, ein streng gläubiger iranischer Moslem in Diensten des Kriminaltechnischen Instituts (KTI) des Landeskriminalamtes Niedersachsen, sowie Diethard Schmückel, ein – so wörtlich – „schwuchteliger Staatsanwalt mit dem Körperbau einer blassen Bürotunte“, zwei Antagonisten, mit denen sich Tarek Neumann immer wieder vehement in der Wolle hat, um sich letztendlich dann doch im Interesse einer erfolgreichen Mörderjagd zusammenzuraufen.
Diese allerdings führt den Leser in ungeahnte menschliche Abgründe, um ihn zum furiosen Abschluss mit einem echten Paukenschlag zu entlassen. Und mit der Vorfreude auf Tarek Neumanns nächsten Fall, der hoffentlich schon bald in gedruckter Form erhältlich sein wird.
Der Kriminalroman „Abnorm“ von Björn Brocks ist im Verlag CW Niemeyer erschienen und kostet 9,95 Euro (ISBN 978-38271-9452-7)
Termin: Einen Einblick in die Abgründe seiner Autoren-Phantasie bietet Brocks mit einer Lesung aus „Abnorm“ Freitag, 13. Januar, 19 Uhr im Hofcafé „Peetzen 10“. Musikalisch unterstützt wird er an der Gitarre von Matthias Greenslade, Bundes- und Landespreisträger bei „Jugend musiziert“ und Mitglied der Band Heatstroke. Der Erlös des Abends kommt der Naturgarten-AG der Grundschule Evesen zugute.